Vor Jahren sagte irgendein Fußballer: Gib mich die Kirsche! Ich sage heute nur noch, etwa zwei Stunden vor Beginn der Weltmeisterschaft 2006: Gib mich endlich die Kugel! Man könnte meinen, die Welt wäre nur noch Schwarz, Rot, Gold und der einzige Mann der noch existiert und Frauen beglücken darf ist Michael Ballack. Die Testosteronbombe ist von keiner Plakatwand und aus dem Werbefernsehen nicht mehr wegzudenken. Gestern traf ich ihn an der Litfass-Säule vor meiner Wohnung, an der er lächelnd hing. Selbst der Strick der ihm die Luft abschnürte leuchtete schwarz, rot und gülden vor sich hin. Michael grinste, während ihm langsam die Zunge aus dem Mundwinkel kroch. Auch schwarz und rot gefärbt. Das Gold war wahrscheinlich abgeblättert. Wer weiß, wie lange er hier schon hing. Ich stellte mich mit meinen Tragetaschen, ich kam gerade aus dem Supermarkt um die Ecke, vor ihn hin, legte den Kopf etwas schief und betrachtete ihn interessiert. Noch nie war ich einem weltbekannten Fußballspieler so nah gewesen. Ballack taumelte leise im Wind. Er röchelte etwas, das ich nicht ganz verstehen konnte. Lag wohl an seiner Mundart. Er grinste und wedelte etwas mit den Armen, welche ansonsten schlaff herunterhingen. Ich ging einmal um die Säule herum. Die Person, welche Michel da aufgehangen hatte, hatte auf der anderen Seite der Säule eine dicken Bolzen in etwa zweieinhalb Meter Höhe durch die alten Plakate und in den Stein gerammt, eine Deutschlandfahne zu einem Strick geknotet, diesen an dem Bolzen befestigt, einmal über die Säule gespannt und Ballack drüben einfach aufgehängt. Beziehungsweise ihn vorher auf einen Stapel ausgelesener kicker-Zeitschriften gestellt, welche dann umgestoßen worden waren. Alle trugen bezeichnenderweise das lächelnde Gesicht des Sunnyboy, dem der Sonneschein nun deutlich aus dem Gesicht gewichen war. Blanke Ironie. Auf dem eigenen Ruhm ausgerutscht, kam es mir so in den Sinn. Ich grinste. Ballack wurde immer blauer und langsam violett im Gesicht, was sich heftig mit den Farben der umfunktionierten Fahne biss. Speichel ran aus seinem Mund und tropfte ihm auf sein Trikot. Seine einzigen Klamotten. Zumindest hatte ich ihn noch nie anders gekleidet gesehen. Ohne seinen Spieldress war er wohl auch nicht mehr zu identifizieren. Damit wäre seine Persönlichkeit verloren. Er trug ihn einfach immer. Ob bei McDonald´s beim Big-Tasty-Essen oder wenn er für Adidas ein bisschen mit einem Ball herumhopste, oder ein nutella-Glas ausleckte.
So sehr mir diese Werbung auch auf die Nerven ging, mein Mitleid für den gemarterten Weltfußballer war stärker und ich nahm ihn ab, wobei ich hoffte, das es noch nicht ganz zu spät war, da ich der Nation und der Welt die WM, trotz eigener Abneigung, gönnte. Ich schleifte Michel die letzten paar Meter vor meine Haustür und dann das Treppenhaus hoch, bis in meine Arbeitslosenwohnung. Dort setzte ich Ballack im Wohnzimmer in einen Sessel vor den Fernseher, wo er seine eigene Herrlichkeit, die übrigens bei der schmerzhaften Werbeaktion etwas gelitten hatte, bewundern konnte. Er bekam von mir erst mal einen doppelten Korn und nach einiger Zeit stellte sich seine alte rosige Gesichtsfarbe wieder ein. Die Zunge wurde wieder ausschließlich rot und er schaffte es sogar sie wieder in den Mund zu befördern und diesen zu schließen. Er verbrachte noch ein paar Stunden vor dem Fernseher, trank zwei Weizenbier, drei Gläser Whiskey, meinte dann, dass er noch einen Werbespot vor dem Anstoß des Eröffnungsspiel zu drehen hätte und eine Minute später sah ich ihn von meinem Fenster aus, die Schönhauser Allee herunterjoggen, wobei er alle paar hundert Meter mal die Hacken an den Hintern schlug, oder mit den Armen ruderte und in Seitgalopp verfiel. Die Macht der Gewohnheit, wenn man kaum etwas anderes kann.
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