München war so weit weg. weit weg in seiner vergangenheit, weit untergegraben unter dem mammutberg alltagschutt, der sich die ganzen jahre angesammelt hatte. er hatte immer gut zu tun. viel arbeit, auch zuhause. dann noch besorgungen, familie, seine tochter, die vor 5 jahren geboren wurde. alle zeit, die er hatte, mußte auch gut genutzt sein, um schaufel für schaufel den berg abzutragen, oder zumindest ihn nicht weiter wachsen zu lassen. finanzen regeln, verträge schließen und canceln. sparen und ausgeben. er fuchtelte wild tanzend mit seinem gummischwert um die mächtigen im zaum zu halten. schweiß, treibend. jetzt war schon das zweite kind auf dem weg in diese welt hinausgespeit zu werden und er freute sich riesig. ein junge wär perfekt. aber hauptsache gesund. frischer wind wehte ihm um die nase und er inhalierte kräftig und betäubte sich an dem rausch der zukunft. er kreiste mit seinem zirkel schnelle runden um sein leben und seine familie. warmes licht summte leise in seinen kreisen dazu. gemütlich hatten sie es sich gemacht. kaminflüstern im wohnraum, das klavier im wintergarten, das keiner spielte, aber dessen vergangene klänge noch immer herumschwebten und überall dieser geruch von alten holzmöbeln, den er so gern mochte. die wandhohen bücherregale aus eiche, vollgestopft mit alten gedanken und geschichten von großen geistern, die schon längst keine kämpfe mehr austrugen, und für die er sich eh kein gehör verschafft hatte. aber schön anzusehen. seine frau stand in der modernen küche mit indirekter beleuchtung und spülte die töpfe und pfannen die ihn heute so satt gemacht hatten. das küchenradio spielte leise ihre lieblingslieder von digitalen speichermedien und malte bunte wiesen um ihre realität. leise summte sie ihren burggraben dazu. die kleine war schon im bett und wohlig warmes nachtlicht brach durch ihren türspalt in die dunkelheit des flures. immer wenn er an dieser tür vorbei ging durchströmte ihn dieses licht mit aller liebe, die er für sie hatte. nicht selten blieb er stehen und hörte ihr ruhiges seeliges atmen und nicht selten war er durchflutet mit glück und sehnsucht. wie gern würde er dann hineingehen und ihre kleine, reine wärme fühlen. aber wenn er das täte dann würde er diesen leisen moment der vollkommenen seeligkeit zerstören und sie aufwecken. also stand er nur mit feuchten augen in der tür und roch ihre wohlige, friedliche seele in sein bewustsein. es war wie ein trancezustand des glücks. trance wird meistens durch monotonie hervorgerufen. durch monotone rhytmen, töne oder auch bilder. aber bei ihm bestand diese monotonie aus glück, hervorgerufen durch liebe zu seiner tochter. es dominierte all seine gedanken in dem moment und nahm ihn mit auf eine warme reise in die stille welt der sehnsucht. er flüsterte leise seine liebe in ihren raum und ging weiter um sich einen espresso aus der hightechmaschine zu gönnen, die sie letztes jahr nach dem ägyptenurlaub gekauft hatten. und jedes mal wenn er sich einen cremigen espresso machte, dachte er zurück an diesen urlaub. die hitze, der kühle hotelpool, den schlimmen sonnenbrand den er sogar an den fußsohlen hatte. daran, das die kleine fast nichts gegessen hat außer eis, erstens, weil die sonne in diesen zwei wochen so unglaublich konzentriert und mit aller intensität auf diesen kleinen fleck der erde brannte und zweitens weil sie das gesammte essen im hotel oder auch außerhalb für ungeniesbar hielt. nicht mal ihre geliebten cornflakes hatten sie morgens im hotel und wußten auch auf nachfrage nicht, was das denn für ein nahrungsmittel sein sollte. und so aß sie entweder pommes mit ketchup oder eis. was solls, es war schließlich urlaub. zuhause herrschten andere regeln, das wußten sie alle. gegessen wird, was kommt, basta. die maschine mahlte die arrabicabohnen zu feinem pulver und schrie dabei in gewohnter lautstärke über ihre lieblingsmusik. sie spülte und ihre gedanken fuhren schlagartig zurück in ihr bewustsein, dass sie erschrak. sie drehte sich nicht um, hörte auf zu spülen und lies ihren blick die dreckigen töpfe einwachsen. als die maschine den schwarzen sud in seine kleine tasse gespeit hatte, verlies er die küche und ging aus dem raum. wohin, war ihr egal, sie gab sich wieder der musik und ihrer aufgabe hin. er ging in das arbeitszimmer, lehnte sich gegen den schweren wandschrank, nippte an dem heißen espresso und lies seine blicke durch das fenster hinauslaufen. er hörte das leise geklapper des abwaschs, ihr summen zu der dumpfen melodie. die kleine schreibtischlampe neben seinem mac auf dem schweren schreibtisch schien ihren gewohnten umkreis an und die baumspitzen auf der wiese vor dem fenster wichen den stürmischen windböen aus, wankten mehrere meter zu allen seiten. die regentropfen fielen in unregelmäßigen bahnen zu boden und waren trotz der dunkelheit noch gut zu erkennen. es stürmte so stark das es fast den anschein hatte, einige regenbahnen würden vom boden abprallen und gen himmel regnen. er genoss jeden schluck des geliebten und fast perfekten espressos als sein blick in den bäumen festfror. ein kalter schlag fuhr ihm durch seinen kopf als ein blitz vor seinem fenster einen alten, mächtigen baum spaltete und einen großteil des geästs zu boden warf. diese kalte hitze durchfuhr sein mark und er spürte sein hirn kribbeln. schlagartig wurde ihm klar, wie erbärmlich doch das alles war. diese eigene kleine festung mit schweren möbeln, die er für sie erschaffen hatte, das klavier, das keiner spielte, die bücher, die niemand las, seine frau, die sich schon so an die kälte und seine abwesenheit gewöhnt hatte, das sie schon fast schockiert war, wenn er ihr mal einen kuss auf die wange gab. es zerstörte ihre gesammte festung, die sie sich aufgebaut hatte, um das alles am laufen zu halten. und jedes mal mußte sie große teile ihrer mauer flicken, nachdem er sie berührte. das hatte er gemerkt und es deshalb später auch gar nicht mehr versucht. seine tochter, die er über alles liebte, die aber nicht mal seinen zweiten vornamen kannte. er war die ganze zeit damit beschäftigt seine geschütze auf position zu bringen, das er ganz vergas wöfür er überhaupt kämpfte. wofür kämpfte er überhaupt? was ist sein treibstoff? dieses ist der erste moment, in dem er fühlt, das sein motor trocken gelaufen ist, und es schmerzt. dieser schmerz bohrt sich tief in seinen körper und gräbt seine seele frei. und er fängt an sich zu verstecken in erinnerungen. wie viel besser es doch früher war. er denkt an den garten, in dem er mit seinen eltern und seinem bruder früher oft gegrillt und gespielt hatte. an den kleinen plastikpool, der ihn im sommer immer so magisch ansog, und wenn er drin schwamm, wie kalt es dann war und wie er sich vor dem sand und dreck auf dem boden geekelt hat. daran wie es immer bei oma frida gerochen hat, als sie zu besuch kamen und sie ihren leckeren haselnusskuchen gebacken hat. und wie er angst hatte vor opa heinz, der immer genau wusste, was er vorhatte, wenn er irgendetwas anstellen wollte. daran, wie sein kleines herz gepocht hat, als er mit nicolle im garten übernachtet hat und sie ihm einen kuss auf seine kleine lippen drückte. das sollte die aufregenste nacht seines lebens werden, bis er dann doch endlich eingeschlafen ist und morgens in einem leeren, kalten zelt erwachte und sie im haus saß und erzählte, das sie nachts gegangen war, weil er im schlaf wild um sich geschlagen hatte und sie deshalb kein auge zumachen konnte. er trauerte jahrelang hinter ihr her, als sie mit seinem besten freund zusammen kam und er das erste mal merkte wieviel schmerz doch in der liebe steckte. und an den moment, als sein vater starb, ganz plötzlich an einem herzschlag. diese trauer, der hass und diese angst klang noch lange in seiner seele nach. und wie schlimm diese beerdigung war, als er dann nach münchen kam um ihm die letzte ehre zu erweisen. alle leute, die er damals so gut kannte und die seine welt bereicherten standen da und waren aus kaltem salz gehauen. graue maschinen die ihre gealterten körper in schwarze anzüge eingepackt hatten, und die sich alle still einig waren, das sie ab diesem augenblick den anzug wohl noch öfter brauchen werden und dass die nächste zusammenkunft sicher wieder eine beerdigung sein würde. sie sollten recht behalten. ein jahr darauf verstarb oma frida und opa heinz mußte in ein pflegeheim, da sich keiner seiner nachkommen imstande sah, ihn zu pflegen und zu wenden bis er starb. all diese gesichter wurden von treffen zu treffen poröser und brüchiger. all der kindliche sonnenschein von damals wurde zu der dunklen wolke, die nun immer bei solchen treffen über ihnen schwebte. alle emotionen und vor allen dingen freude die er in der kindheit mit diesen leuten erlebte, verblasste allmählich und graute aus in diesen hohlen salzsäulen in denen er jedesmal verzweifelt das licht von damals suchte, aber nie wieder zu finden vermochte. und er erschrak noch mehr als er plötzlich seine tränenverschwommenen augen schloss und auch sein licht nicht mehr fand. vermutlich war es schon lange verschwunden. eingekeimt in eine träge salzschicht die die zeit um seine freude gewuchert hatte. all diese erlebnisse, die sein leben zu diesem fremden schatten formten, der schon lange nicht mehr synchron mit ihm lief. damals, als sein bruder sich unbedingt und dringend geld von ihm leihen mußte, um irgendwie weiter machen zu können. er lieh es ihm gerne, aber es war das erste mal, das er über solche probleme mit seinem bruder reden musste und das hat alles zwischen ihnen verändert. dass seine mutter nur noch ein verblichenes abziehbild ihrer selbst von damals war. eine hülle, die die alten rituale aufrecht erhält und noch heute jeden abend auf seinen vater wartet, wenn sie alleine im dunklen wohnzimmer vor dem fernseher vor sich hin flimmert und der geruch von frischem brühkaffee jeden abend klanglos und ohne hoffnung auf verzehr verdunstet. und nicolle ist schon lange mit diesem schmierigen angeber verheiratet, der damals immer aufschlug und ihn und seinen bruder verängstigte und verprügelte, wenn er von ihnen kein geld für zigaretten bekam. wahrscheinlich wankt sie jeden tag wackelig in ihren socken und ihrem bademantel zum kiosk um die ecke um für ihn zigaretten zu kaufen, während er seine ripshirts vollschwitzt und biertrinkend seine seele dem fernsehprogramm verkauft hat, in der hoffnung auf erlösung oder wenigstens erleichterung seiner selbst. nicht, daß man nicht schon früher gesagt hat, das wäre der lauf der dinge, aber daß das leben so ausnahmslos und ohne rücksicht auch jedes noch so heiß brennendes feuer mit der zeit auslöscht und zertritt, lässt ihn gerade in diesem moment spüren, wie das dach seiner festung den regen ohne umwege direkt durch die regenrinne in den boden zurückleitet.
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