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Kategorie: Kurzgeschichten
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185 mal angesehen
Geschrieben am 11.02.2011 um 21:56 Uhr
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Verlust

Verlust

In jedem Leben gibt es diesen Moment, den in dem man sich nichts wünscht und nichts will. Das fühlt sich ungefähr so an, wie der Moment nachdem man von einem bockigen Pferd abgeworfen wurde und die Kräfte die nach oben wirken genau so stark sind, wie die Kräfte die nach unten ziehen. Im echten Leben dauert dieser Moment wahrscheinlich nur eine Millisekunde aber wenn man die Person ist, die da in der Luft hängt und den Zauber des Ausgleichs der Kräfte spürt, dann hat man Zeit ihn zu fühlen und zu denken:
„Oh nein, gleich wird es richtig wehtun.“
Es ist ein toller Moment und man wünscht sich, man könnte darin verweilen, man wünschte, die Kräfte die nach unten wirken würden es nicht tun und man könnte bleiben wo man ist. In der Luft irgendwo zwischen da oben und da unten, denn man weis genau ist dieser Moment erst vorbei landet man ziemlich schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen. Und jeder weis, der Boden der Tatsachen ist nicht immer unbedingt und zwingend eine Blumenwiese.
Mein Moment in dem ich nichts wollte, nichts wünschte, war auf den Tag genau drei Monate nach meinem 16. Geburtstag, es war zehn nach neun. Ich trug eine oliv grüne Kargohose mit vielen Taschen, gelbe Turnschuhe und ein weißes T-Shirt. Meine Haare waren lang und noch ein bisschen feucht, weil ich sie morgens nicht geföhnt hatte. Es ist nicht so, dass ich an diesem Morgen, als ich aufstand mich anzog, mein Handy zuhause ließ und meiner Schwester sagte sie solle ihrs ausschalten, mit ihr zur Bushalte stelle lief und dann später in den Zug stieg, nicht gewusst habe, dass dieser Tag mir diesen Moment bringen würde. Nein, gewusst habe ich es eigentlich nicht, geahnt und gespürt das trifft es eher. Aber das schlimme ist, dass man ahnt und spürt und doch nichts tun kann, es gab nichts was ich damals hätte tun können. Das einzige, was ich damals geschafft habe, ist den Moment für mich zumindest bis zehn Minuten nach neun hinaus zu schieben. So habe ich immerhin siebzig Minuten ahnen und spüren gewonnen. Es ist schwer zu ertragen, dass wir uns vor diesem Moment nicht schützen können, er kommt und er findet uns, er ist unerbittlich in seiner Methodik und Präzision. Egal wie weit wir laufen, wie gut wir uns verstecken, alles was wir erreichen können ist ein bisschen Zeit.
Zeit die ich nicht genießen konnte, denn gespürt und geahnt habe ich trotzdem waren diese siebzig Minuten die letzten 70 Minuten in meinem Leben in denen ich das Urvertrauen und Wissen hatte bedingungslos geliebt zu sein. 
Und dann kam dieser Moment, den ich erwartet hatte nur was in diesem Moment geschah, hatte ich nicht erahnen können. Manche von uns mahlen sich solche Momente aus, aber in der Realität wenn es wahr ist, das können wir uns nicht vorstellen. Als gäbe es in unserem Bewusstsein ein Schutzschild, ähnlich dem, dass verhindert, dass wir im Traum sterben oder verhindert, dass wir das Gesicht unseres Partners in erotischen Träumen sehen können.
Mein Moment fand auf dem Flur im zweiten Stock einer Onkologischen Reha-Klinik statt. Wir standen genau in der Mitte. Am einen Ende war der Aufzug mit dem wir rauf gefahren waren, am anderen Ende auf der linken Seite war das Zimmer meiner Mutter. In der Mitte dieses Flurs hielt uns plötzlich eine Krankenschwester auf und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Mit einem mal standen da drei Männer, an die beiden außen erinnere ich mich nicht, nur der in der Mitte, er war Alt, aber mit 16 sind alle Menschen über 30 alt. Er strahlte Kompetenz und Intelligenz aus und eine gewisse Autorität, der Mann war schlank hatte ein Glatze und Brille, angenehme fast schöne Gesichtszüge. Und dann sagte er es einfach so:
„Ihre Mutter ist heute früh um acht Uhr verstorben. Mein Beileid. Sie wollen sie sicher noch einmal sehen.“
Das war er, der Moment der letzte meines Lebens in dem ich Bedingungslos geliebt war. Der Moment des Ausgleichs der Kräfte, mit einem Mal hörten die schützenden Kräfte auf ihre Arbeit zu tun und die Kräfte, die mich nach unten zogen brauchten nur noch eine Millisekunde um stärker zu werden. Aber in dieser Millisekunde schwebte ich und wünschte nichts.
Denn in diesem einen Moment gibt es nichts, was es wert wäre gewünscht zu werden.
Eine Millisekunde verging, fühlte sich an wie eine kleine Ewigkeit und war doch zu schnell vorbei. Und als die Kräfte mich auf den Boden der Tatsachen aufschlagen ließen begann ich zu wünschen. Tiefer und inbrünstiger als jemals zuvor in meinem Leben.

Heute sind siebeneinhalb Jahre seit meinem Moment vergangen und noch immer Wünsche ich mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele bedingungslos geliebt zu sein. 


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