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Kategorie: Kurzgeschichten
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172 mal angesehen
Geschrieben am 13.04.2011 um 15:15 Uhr
Text
Himmel - Erde - Hölle

Anmerkung des Autors: Dies ist eine Leseprobe einer größeren Story.

 

ERDE

 

Wenige Monate später ging Tim gelangweilt am Bahnsteig entlang. Es war Sonntag Morgen, kurz vor sechs Uhr. In wenigen Minuten würde seine Bahn einfahren. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Wie eine Ewigkeit kam es im vor, bis die Digitaluhr an der Anzeige die Ziffern wechselte. Er brauchte Abwechslung. Jetzt!

Tim sah sich um. Die unterschiedlichsten Leute  warteten an der Bahnsteigkante oder bei den Wartebänken. Manche schliefen in den grotesken Haltungen, andere unterhielten sich über die vergangene Party, auf der sie gewesen waren. Oder man hörte einfach i-pod und wartete still.

In diesem Augenblick kamen zwei Bahnbeamte den Bahnsteig entlang. Sie unterhielten sich und musterten dabei die Menschen. Ihn beachteten sie jedoch kaum. Ein Zug kam in der Zwischenzeit eingefahren. Tim sah in den Lücken zwischen den Waggons einen alten Mann auf der anderen Seite des Bahnsteig. Dieser wühlte in den Mülleimern nach Essbarem oder etwas zu trinken. Das Glück schien es heute anscheinend gut mit ihm zu meinen. Der scheinbar Obdachlose fand einen angebissenen halben Hamburger, einen Pappbecher mit den Resten einer Cola, sowie ein paar Pfandflaschen, die jemand ohne nachzudenken weggeworfen hatte.

Die Wache der Bahn beobachteten den Mann argwöhnisch. Tim missfiel der Blick der Männer.

„Hey, alter Mann!“ schrie einer der Beamten zu dem Mann hinüber. „Des lässt aber mal schön bleiben. Dich wollen wir hier nicht noch einmal sehen. Ist das klar?“ Grinsend drehte sich der Beamte wieder zu seinem Kollegen. Die Männer in Blau fanden das Ganze wohl recht amüsant.

In Tim stieg die Wut hoch. Von Langeweile konnte gleich nicht mehr die Rede sein. Hier würden sich gleich alle wundern.

In Gedanken nahm er Kontakt zu dem Obdachlosen Mann auf.

„Hallo Konrad!“

„Wer spricht da?“ kam es verwundert zurück

„Nur jemand der sich gerade langweilt. Willst du Reich sein? Viel Geld dein eigen nennen dürfen?“

Konrad blickte gierig um sich. Klar sah er niemanden der direkt mit ihm sprach. Er hörte nur die Stimme in seinem Kopf.

„Du brauchst dich nicht so umzusehen. Du findest mich nicht.“, sprach Tim herablassend mit dem Mann. Er genoss solch einen Augenblick in dem er ungehindert, und vor allem unerkannt, mit jedem Menschen Kontakt aufnehmen konnte der sich in seiner unmittelbaren Umgebung befand.

„Aber wie komm ich dann an mein Geld?“, fragte Konrad irritiert.

„Noch ist es nicht dein Geld. Abgesehen davon musst du erst eine kleine Prüfung bestehen.“

Tim grinste böse in sich hinein. Während er in Gedanken mit dem Mann sprach, studierte er die Fahrpläne die im Schaukasten aushingen. So war auch er nur ein ganz normal wartender Fahrgast.

„Was für eine Prüfung?“ fragte Konrad ängstlich.

„Eine ganz einfache.“, antwortete ihm Tim und der Obdachlose suchte immer noch seine Umgebung ab. Zwecklos. Er dachte bestimmt, dass es gleich aus mit ihm sei.

„Bist du der Tod?“ hörte Tim sogleich in seinen Gedanken. Der Mann hatte Angst. So wie jeder andere Mensch auch der Tims Stimme in seinen Gedanken hörte. Zurecht.

„Schlimmer.“, antwortete Tim. „Aber nun zurück zur Prüfung. Du hast nicht mehr viel Zeit Konrad.

Richte deine Augen auf die Anzeige. Sag mir wann der nächste Zug einfährt.“

„In zwei Minuten. Warum? War das die Prüfung?“, erkundigte sich Konrad nervös.

„Törichter alter Mann!“, schrie Tim. „Natürlich ist das nicht die Prüfung. Und jetzt hör auf deine kostbare Zeit zu verschwenden. Hör mir gut zu.“

Konrad blickte gespannt in die Luft und wartete auf Anweisungen. Er zitterte.

„Wenn du es schaffst, vor dem nächsten Zug auf der anderen Bahnsteigkante anzukommen, bist du ein reicher Mann. Ansonsten bleibst du weiterhin ein dreckiger Obdachloser dieser Stadt.“

„Aber das schaffe ich niemals. Ich bin alt und langsam.“ begehrte Konrad auf.

„Deine Zeit läuft.“

Konrad rang mit sich. Das sah Tim. Eine Minute war mittlerweile vergangen. Dann geschah etwas, was Tim nicht überraschte. Der Obdachlose lies seinen Pappbecher mit Cola fallen und spurtete los. Die Gier siegte. Jeder Schritt tat ihm weh. Diese Tatsache war dem Mann deutlich anzusehen. Die beiden Männer vom Wachpersonal der Deutschen Bahn blickten verdutzt in die Richtung des Mannes der im selben Augenblick zum Sprung ansetzte. Einige wartende Passagiere sprangen entgeistert auf. Alle Leute auf diesem Bahnsteig blickten jetzt in die selbe Richtung. Doch sie konnten nicht fassen was sie sahen.

Ein alter Mann in zerschliessenen Klamotten und langem weißem Haar, flog über den Fahrbahnschacht in Richtung Bahnsteig. Doch es war schnell zu erkennen, dass er es nicht schaffen würde. Ein Raunen ging durch den Schacht.

Tim blickte auf die Anzeige und marschierte Richtung Rolltreppe. Keine Minute mehr.

Konrad fiel mit einem lauten Schmerzensschrei auf die Schienen.

„Du hast verloren alter Mann.“, höhnte Tim ihn in Gedanken.

Er stieg auf die Rolltreppe und hörte das Rattern des nahenden Zuges. Einer der Beamten schrie aufgebracht in sein Funkgerät. Tim wusste, dass dieser versuchte den Zug noch zu stoppen. Doch es würde zu spät sein. Dies lies er den Mann wissen. Er sandte seine Gedanken zu ihm.

„Zu spät Konstantin. Abgesehen davon. Meintest du vorhin nicht du willst ihn nicht mehr sehen.“

Der Zug rauschte ran. Ein letzter Blick in das entsetzt Blickende Gesicht des todgeweihten Konrad..

Der Lichtkegel erfasste ihn zuerst.

„Soviel zum Eintauchen ins weiße Licht.“ dachte Tim. Kurz darauf entschwand die Szenerie aus seinem Blickfeld. Sobald die Rolltreppe oben ankommen würde, wollte Tim sich ein Taxi nehmen. Mit dem Zug hatte er keine Aussichten bald ins Bett zu kommen. Er war müde.

Erschrockene und ängstliche Schreie verkündeten den Zusammenstoß von Mensch und Maschine.

Tim interessierte sich nicht im geringsten für die weiteren Vorgänge an diesem Bahnsteig.   

 

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